Geschichten aus der Vergangenheit

Urgroßmutter Anna mit Freundinnenlinks Urgroßmutter Anna und Besitzerin der Peterbaude mit Freundinnen

Dank Herrn Trittenheims virtuellen Lagerfeuer im Beitrag: „Einiges über die Magie der gesprochenen Sprache“, fielen mir wieder die Erzählungen meiner Großmutter von früheren Zeiten ein. Gebannt saß ich bei ihr und Bilder entfalteten sich vor meinen Augen, Düfte zogen an mir vorbei und ich glaubte die klirrende Kälte des Winters oder die Wärme der Bergsonne auf den Sommerwiesen zu fühlen. Meine Großmutter , sowie auch mein Vater, sind im Gebirge auf einer Baude (Berghotel) geboren und aufgewachsen. Meist von Gästen umgeben hatten sie dadurch viel Anregung und trotz der einsamen Lage in den Bergen viel Kontakt mit Menschen.

Großmama erzählte vom Fünf-Uhr-Tee, bei dem im Winter im blauen Zimmer die Gaslampen entzündet und leckerer Kuchen zum Tee oder Kaffee gereicht wurden. Auf der roten Veranda wurde abends Romme, Canasta und Bridge bei Zithermusik gespielt. Allabendlich gab es außerdem Tanz im Saal, es gab Theateraufführungen, Buchlesungen oder Gedichte wurden vorgetragen. Ihr älterer Bruder brachte dann ein Gramaphon mit und dann gab es auch Jazzmusik von Schellackplatten. Sie erzählte vom langen Winter, wo der Wind um die Bergkuppen heulte und die Latschenkiefern zu Eissäulen erstarrten. Wie beschwerlich ihr Weg auf Skiern zur Schule war oder wie sie auch oft mit dem Hörnerschlitten zu Tal fuhren. Von den ersten Frühlingstagen, als die Kühe Luftsprünge vor Freude machten, wenn sie wieder auf die Wiesen durften, von Wanderungen mit Freunden in der sommerlichen Wärme und dem Duft von frisch gemähtem Gras.

Schon früh liebte ich es in alten Fotoalben zu blättern und kleine, alte Erinnerungsstücke zu sammeln. Viel, viel später und durch einen Zufall entdeckte ich Online einen Prospekt von der Peterbaude (siehe Wikipedia) von 1929 in einem Antiquariat. Nur zwei Exemplare waren noch vorhanden. So bekam ich nun endlich die Räume zu sehen in denen die Geschichten meiner Großmutter stattgefunden haben und ich konnte die Neugier meiner Neffen und meiner Tochter stillen. Leider können ihre Großeltern nicht mehr so wundervoll von alten Zeiten erzählen. Meine Mutter ist verstorben und mein Vater lebt schon lange in den USA und ist leider an Demenz erkrankt. Aber die Geschichten sind nicht vergessen und die Bilder nicht verloren, auch wenn unsere Heimat nun ganz woanders ist.

Drei Brüder
Drei Brüder (mein Papa in der Mitte)

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Saal
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6 Gedanken zu “Geschichten aus der Vergangenheit

  1. Einen prächtigen Bilderbogen entfaltest du hier! Danke, dass du uns daran teilhaben lässt. An der Schilderung der Geschichten deiner Großmutter gefallen mir besonders die Luftsprünge machenden Kühe. Dass Kühe sich derart sichtbar freuen können, davon hatte ich zuvor noch nie gehört. Um so trauriger ist, dass viele Bauern inzwischen die Kühe gar nicht mehr aus dem Stall lassen, wie ich vor Jahren in Südtirol gelernt habe. Dass du den Hotelprospekt antiquarisch kaufen konntest, ist ja auch ein toller Zufall. Die Abbildungen daraus haben einen altertümlichen Reiz, auch bedingt durch die Drucktechnik (Rasterpunkte). Insgesamt freue ich mich sehr, diesen tollen Beitrag angeregt zu haben und danke artig für die freundliche Erwähnung.

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  2. Meine Urgroßmutter Anna war Erbin, also Chefin und meine Großmutter ging mit nur drei weiteren Mädchen aufs Gymnasium. Somit hatte ich gute Vorbilder für starke und gebildete Frauen. Von den hüpfenden Kühen gibt es auch Fotos in alten Alben. Das muss immer lustig für alle gewesen sein.

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