Liebste Mama

Wir hatten es nicht immer leicht miteinander. Ich ging meine frühen Lebensjahre meist an Papas Hand durch das Leben. Er war mein Ein und Alles. Vielleicht spürte ich auch, dass ich kein Wunschkind war. Geboren in einer Zeit des Aufbruchs und der Unsicherheit wohin die Reise gehen wird, war ich nicht geplant. Du musstest dann ja auch mit drei kleinen Kindern deine Heimat verlassen und das mit wenig im Gepäck. Papa war teilweise nicht anwesend und du hast eine Menge Sorgen alleine tragen müssen.

Nach unserer Aussiedlung und der Ankunft in Oberschwaben hast du dich zum Organisationsgenie entwickelt und trotz dem Wenigen das wir hatten, ging es uns Kindern immer gut. Ich erinnere mich, dass ihr längere Zeit auf Luftmatratzen geschlafen habt, während wir Kinder schon eigene Betten hatten. Du hast dich nie beklagt.

Was hast du nicht alles mit uns unternommen: Rodeln und Schlittschuhlaufen im Winter, sommerliches Baden mit Picknick , Wandern, Basteln und Malen zu jeder Jahreszeit. Du kanntest sehr viele alte Lieder und hast uns damit einen großen Schatz geschenkt. Auf Ausflugsfahrten verkürzten wir uns mit Singen die Zeit und auch zu Hause war Musik unser Begleiter. Nur beim Skifahren hast du gekniffen, das musste uns der Papa, der leidenschaftliche Bergmensch, beibringen. Da bist du oft alleine zu Hause geblieben, hast dich aber nie beschwert.

Dein Erziehungsstil war damals für die 60er Jahre extrem modern. Tolerant und liebevoll hast du uns begleitet und niemals gegängelt. So konnten wir unsere Grenzen selbst herausfinden und eigene Erfahrungen sammeln. Wir sind selbstbewusste und sehr eigenständige Menschen geworden. Wenn Papa allzu streng war, dann warst du der Gegenpol und hast deinen Willen durchgesetzt. Freundinnen beneideten mich, da du niemals Unterschiede zwischen unserem Bruder und uns Mädchen machtest und wir unsere Freunde nach Hause bringen durften. Meine Pubertätssünden und meinem Freiheitsdrang hast du sicherlich schwer ertragen, aber mit Langmut und Geduld überstanden.

Als Ehefrau warst du eher ein Lamm. Papa war in Sachen Ehe sehr altmodisch. Oft haben wir Töchter dir mehr Widerspruchsgeist gewünscht. Für uns hast du gekämpft, für dich selbst hast du es nicht geschafft.  Damals sind wir uns endlich näher gekommen, denn ich, als sehr emanzipierte junge Frau, stieß Papa von seinem hohen Sockel und protestierte gegen seine altmodische Einstellung. Das lief aber meist ins Leere.

Erst nach der Silberhochzeit, als wir alle aus dem Haus waren, hast du die Ehefesseln abgestreift und bist einfach gegangen obwohl Scheidungen in deiner Umgebung noch selten waren.  Später trafst du dann einen Mann der sehr liebevoll alle deine Wünsche erfüllte. Damit warst du uns dann ein großes Vorbild  dafür, dass man selbst im höheren Alter noch den Mut haben soll etwas Neues zu wagen. Leider verstarb dein zweiter Mann nach wenigen Jahren und du bist in eine Depression gefallen.

Damals entschied ich mich wieder in deine Nähe nach Oberschwaben zu ziehen. Die Liebe zu deinen Enkeln hat dich wieder aufgebaut. Du warst eine herzliche und wunderbare Oma und mir, als Alleinerziehende, eine große Stütze. Mit meiner Tochter verband dich eine sehr innige Seelenverwandtschaft. Da warst du oft ein Puffer, wenn ich mit ihr aneinander geriet. Du bist viel gereist, warst in den USA,  in Nigeria und danach in Namibia , wo unser Bruder lebte und arbeitete und dann immer wieder bei deinem Schulfreund in Canada, der deine späte glückliche Liebe wurde. Du hast mit ihm, für dein Alter ungewöhnlich, eine Fernbeziehung gelebt.

Danach musstest du den viel zu frühen Tod deines Sohnes, unseres Bruders, verkraften und bist daran fast zerbrochen. Trotz allem warst du auch in dieser Zeit für uns alle da. Die Familie und dein lieber Freundeskreis, den du sehr pflegtest, hat dich umsorgt und aufgefangen und dich, trotz aller Trauer, wieder zu einem lebensfrohen und sehr beliebten Menschen gemacht.

Bis kurz vor deinem Tod bist du immer aktiv gewesen. Tanzen, Reisen und mit Freunden wandern waren deine Passionen. Nach kurzer, sehr schwerer Krankheit gingst du knapp über 70 Jahre alt von uns und das riß ein riesengroßes Loch in unser Leben. Beerdigt wurdest du am Tag von 9/11 und ich dachte sofort an deine Worte: „Nie wieder Krieg“ und dass dich diese Grausamkeit schrecklich beunruhigt hätte.

Für uns warst du ein großes Vorbild. Nach der Lösung aus den Fesseln der gesellschaftlichen Konventionen hast du sehr selbstbestimmt und frei gelebt. Das war in deiner Generation nicht selbstverständlich. Wir haben dich alle dafür bewundert. Ich glaube, ich habe dir leider nicht oft genug „Danke“ und „ich hab dich lieb“gesagt.

Du hast jeden Raum
Mit Sonne geflutet
Hast jeden Verdruss
Ins Gegenteil verkehrt

Aus „der Weg“ von Herbert Grönemeyer

 

 

Der Rohraff

Wir hatten einmal eine Kneipe in Kehl die hatte den Namen „Rohraff“

„Der Rohraffe beschimpfte sowohl die Gläubigen als auch den Klerus in der Kirche. In Strasbourg und Freiburg gibt es zur Erinnerung noch so einen „Scherzregister“ an der Orgel. Solche Register mit durchaus tieferer Bedeutung haben eine lange Tradition im Orgelbau. An der Gabler-Orgel in Ochsenhausen erscheint ein Ochse der “Kuckuck” ruft, an den Orgeln in den Münstern zu Straßburg und Freiburg droht der “Rohraffe”, im Trierer Dom flötet gar Gott Pan, an der Tauberbischofsheimer Orgel grunzt die “Tauberkröte”.

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Als diese Kneipe zur Verpachtung ausgeschrieben wurde spielten wir und eine befreundete Journalistin gerade mit der Idee eine Kneipe aufzumachen. Einer der den Pfarrer verspottet und Gegenrede zur Predigt führt, der erschien uns mehr als passend als Namensgeber dafür. Das entsprach unserer eigenen Einstellung. So wurden wir Pächter. Die Idee war mit Kunst, Musik, Theater und Lesungen ein kulturell interessiertes Publikum zu begeistern. Kontakte zur Szene hatten wir genug. Ein Weinstube sollte es sein mit guten Weinen aus Baden und dem Elsaß und natürlich Spirituosen aus aller Welt.

Zur Eröffnung gab es die erste Vernissage mit Bildern von Künstlern aus der Ortenau. Eine Freundin von uns, auch ein Fachwerkhausliebhaberin und Malerin und weitere örtliche Künstler stellten gerne bei uns aus. Aus Baden-Baden kamen viele Gäste vom Rundfunk und von SWR3.  Es wurde ein voller Erfolg.

Es folgten viele Wochenenden mit Veranstaltungen. Ein Abend mit irischer Musik, mit vielen irischen und englischen Gästen vom Europarat, die uns fast den gesamten Vorrat an irischem Whiskey austranken. Eine Vernissage mit Bildern von Kindern aus einem Kinderheim auf Zypern mit Versteigerung zugunsten des Heims und das Knast-Theater Freiburg spielte bei uns. Lesungen von Gedichten und Büchern und auch Vorträge von politisch kritischen Journalisten rundeten das Programm ab. Meine Partner reisten viel für ihre Reportagen und bauten die Kontakte auf. Weitere Musikabende, Ausstellungen und Lesungen reihten sich aneinander.

Wir hatten romantische Vorstellungen von der Möglichkeit zu guten Gesprächen und Kontakten mit der Kneipe. Das war aber sehr schwierig zu gestalten, denn wir hatten kaum Zeit dazu. Wir waren alle weiterhin in unseren Berufen tätig. Meine Partner waren journalistisch tätig, mein Freund außerdem als Musiker unterwegs, ich arbeitete als Buchhändlerin. Die Organisation fraß enorm viel Zeit. Die Vorräte mussten eingekauft, die Räume gewischt, die Küche gewienert und die Events publik gemacht werden. Und dann am Abend waren wir Bedienung und Barpersonal in einem.

Man glaubt nicht was man dann nächtens an der Bar so alles erzählt bekommt. Man ist dann auch noch Seelendoktor der verlorenen Herzen. An der Grenze gab es damals längere Öffnungszeiten und ab 2 Uhr nachts kamen dann oft die Einsamen und die Frustrierten. Hinter der Bar stehend konnte man den Gesprächen nicht ausweichen und hörte alle Dramen dieser Welt. Mit dem Anstieg des Alkoholpegels wurden die Hemmungen immer geringer das Innere nach Außen zu kehren. Um Vier war endlich Schluß und dann war man meist totmüde und selbst reif für eine Therapie.

Nach zwei Jahren waren wir uns einig, dass dies nicht so unser Metier sei. Bei allem Erfolg und dem Spaß an den Kontakten wurde uns klar dass dies ein Vollzeitjob ist und keiner von uns wollte seinen Beruf aufgeben. Die Romantik war verloren gegangen. So gaben wir das Projekt erleichtert auf.

Nicht lange danach, in Irland, fing dann die Geschichte mit dem Musikinstrumenten-Import an. Nachzulesen in meinem älteren Beitrag „Wie wir zu Dudelsack-Importeuren wurden“.