Ulme / Elm

Fotos:

Fotos: Sylvia Waldfrau

Ulme / Elm

Ich kenne den Grund, sagt sie. Ich kenne ihn durch meine große Pfahlwurzel.
Das ist es was du fürchtest.
Ich fürchte es nicht: weil ich dort war.

Hörst du das Meer in mir,
ist es unbefriedigend?
Oder die Stimme aus dem Nichts, die dein Wahnsinn ist?

Liebe ist ein Schatten.
Wie du daliegst und ihr nachweinst.
Hör: das sind die Hufe: sie ist fort, wie ein Pferd.

Ich werde die ganze Nacht so galoppieren, ungestüm,
bis dein Kopf ein Stein ist, dein Kissen ein Stück Torf,
widerhallend, widerhallend

Oder soll ich dir den Klang der Gifte bringen?
Das jetzt ist Regen, die große Ruhe.
Und das die Frucht davor, zinnweiß wie Arsen.

Ich habe jede Qual des Sonnenuntergangs ertragen.
Verdorrt bis zur Wurzel
brennen meine roten Fasern und stehen, wie eine Handvoll Draht.

Ich breche in Stücke, die mich umfliegen wie Keulen.
Ein Wind von solcher Wucht
wird kein Herumstehen dulden: ich muss aufschreien.

Auch  der Mond ist gnadenlos, grausam ausgedörrt,
unfruchtbar,
Sein Glanz versengt mich. Oder ich habe ihn vielleicht gefangen

Ich lass ihn gehen. Ich lass ihn gehen.
Vermindert, flach,  wie nach radikaler Operation.
Wie deine bösen Träume mich beherrschen, mich ausstatten.

Ich bin bewohnt von einem Schrei.
Nachts flattert er aus
und sucht mit seinen Haken nach etwas zum Lieben.

Mich schreckt dieses dunkle Ding,
das in mir schläft; tagsüber fühl ich sein weiches, federleichtes Drehen, die Bösartigkeit.

Wolken ziehen, zerstieben.
Sind das die Gesichter der Liebe,  diese bleichen Unwiederbringlichkeiten? 
Schlägt dafür mein Herz?

Ich bin unfähig für mehr Wissen.
Was ist das, was für ein Antlitz, so tödlich erstickend zwischen den Zweigen?

Es ist ein Schlangengiftkuss, lähmt den Willen. Das sind isolierte, schleichende Fehler
die töten, die töten, die töten.

Sylvia Plath

p1130500P1090897P1090901P1010147

Landnahme

Landnahme

Ins Weideland kam ich,

als es schon Nacht war,

in den Wiesen die Narben witternd

und den Wind, eh er sich regte.

Die Liebe graste nicht mehr,

die Glocken waren verhallt

und die Büschel verhärmt.

Ein Horn stak im Land,

vom Leittier verrammt,

ins Dunkel gerammt.

Aus der Erde zog ich’s,

zum Himmel hob ich’s

mit ganzer Kraft.

Um dieses Land mit Klängen

ganz zu erfüllen,

stieß ich ins Horn,

willens im kommenden Wind

und unter wehenden Halmen

jeder Herkunft zu leben !

Ingeborg Bachmann

Fotos: Sylvia Waldfrau

 

P1090636P1130143

P1130889

 

Der Frühling

Der Frühling

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo sich Feste verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

Johann C.F. Hölderlin

Fotos: Sylvia Waldfrau

p1020613p1020618p1020594p1020609p1020614p1020597

p1020620p1020622p1020629p1020610p1020590

 

Er ists

Er ists

Frühling läßt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte;

Süße, wohlbekannte Düfte

Streifen ahnungsvoll das Land.

Veilchen träumen schon,

Wollen balde kommen.

  • Horch, von fern ein leiser Harfenton !
  • Frühling, ja du bists !
  • Dich hab ich vernommen !

Eduard Mörike

Fotos: Sylvia Waldfrau

  • p1020679p1030036p1080282
  • p1020852

Moos

Moos

Hast du schon jemals Moos gesehen?
Nicht bloss so im Vorübergehen,
so nebenbei, von oben her,
so ungefähr –
nein, dicht vor Augen, hingekniet,
wie man sich eine Schrift besieht?
Oh Wunderschrift! Oh Zauberzeichen!
Da wächst ein Urwald ohnegleichen.
Mit krausen Fransen, spitzen Hütchen,
mit silbernen Trompetentütchen,
mit wirren Zweigen, krummen Stöckchen,
mit Sammethäärchen, Bluetenglöckchen,
und wächst so klein und ungesehen –
ein Hümpel Moos.

Wer weiß, was alles hier geschieht,
was nur das Moos im Dunkeln sieht:
Kein Wort verrät das Moos.
Und riesengross die Bäume stehen.
Hast du schon jemals Moos gesehen?

Siegfried von Vegesack  (gekürzte Fassung)

Fotos: Sylvia Waldfrau

p1120565p1010859-001p1010740p1080436p1010322p1010204

<p1130502p1010187p1010868-002

p1120446p1010869p1010865-001p1130058p1130631p1010189

Schneezauber

Schweigende Winterwelt –
kaum daß ein Stäubchen fällt
vom schneeschweren Zweig.
Flimmerndes Schneegefild’,
spielenden Lichtes Zauberbild –
ein kristall’nes Märchenreich.
Flüchtender Vogel in froststarrer Höh’.
Knirschende Schritte im tiefen Schnee.
Ruhende Winterwelt.
Kaum daß ein Flöckchen fällt
vom schneeschweren Zweig.

Dr.Carl Peter Fröhling

Fotos: Sylvia Waldfrau

p1010472p1010503-001p1010606p1010624p1010650p1010501p1010727p1010612p1010644p1010673p1010696p1010698p1010614p1010662p1010668p1010654p1010707p1010635p1010671p1010720p1010732p1010714p1010719

Kleiner Gesang

 

Kleiner Gesang

Regenbogengedicht,
Zauber aus sterbendem Licht,
Glück wie Musik zerronnen,
Schmerz im Madonnengesicht,
Daseins bittere Wonnen
Blüten vom Sturm geweht,
Kränze auf Gräber gelegt,
Heiterkeit ohne Dauer,
Stern, der ins Dunkel fällt;
Schleier von Schönheit und Trauer
Über dem Abgrund der Welt.

Hermann Hesse

Fotos: Sylvia Waldfrau

p1090993p1100706p1060729p1060740p1060754p1010161p1110066p1110277p1100994p1140174