Abschied/ Time to say Goodbye

Irgendwo blüht die Blume des Abschieds und streut immerfort Blütenstaub den wir atmen herüber und auch noch im kommendsten Wind atmen wir Abschied.

Rainer Maria Rilke

Am Freitag ist der letzte Tag hier in der alten Wohnung. Viel ist entsorgt, der Rest schon fast verpackt. Viele Geschichten und Erinnerungen lasse ich zurück, ungute und gute. Bald werden die guten im Gedächtnis bleiben und die anderen in Vergessenheit geraten. Hier blüht schon der Kirschbaum, im neuen Garten wird er erst in Kürze blühen, so habe ich zweimal die Freude darüber.

Ich denke nun an Hermann Hesse:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Fotos: Sylvia Waldfrau

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Der Sommer geht

Fotos: Sylvia Waldfrau

September

Der Garten trauert,
kühl sinkt in die Blumen der Regen.
Der Sommer schauert
still seinem Ende entgegen.

Golden tropft Blatt um Blatt
nieder vom hohen Akazienbaum.
Sommer lächelt erstaunt und matt
in den sterbenden Gartentraum.

Lange noch bei den Rosen
bleibt er stehn, sehnt sich nach Ruh.
Langsam tut er die großen,
müdgewordenen Augen zu.

Hermann Hesse

 

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Spätsommertag

Fotos: Sylvia Waldfrau

Noch schenkt der späte Sommer Tag um Tag
Voll süßer Wärme. Über Blumendolden
Schwebt da und dort mit mildem Flügelschlag
ein Schmetterling und funkelt sammetgolden.

Die Abende und Morgen atmen feucht
Von dünnen Nebeln, deren Naß noch lau.
Vom Maulbeerbaum mit plötzlichem Geleucht
Weht gelb und groß ein Blatt ins sanfte Blau.

Eidechse rastet auf besonntem Stein,
Im Blätterschatten Trauben sich verstecken.
Bezaubert scheint die Welt, gebannt zu sein
In Schlaf, in Traum, und warnt dich, sie zu wecken.

So wiegt sich manchmal viele Takte lang
Musik, zu goldener Ewigkeit erstarrt,
Bis sie erwachend sich dem Bann entrang
Zurück zu Werdemut und Gegenwart.

Wir Alten stehen erntend am Spalier
Und wärmen uns die sommerbraunen Hände.
Noch lacht der Tag, noch ist er nicht zu Ende,
Noch hält und schmeichelt uns das Heut und Hier.

Hermann Hesse

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Kleiner Gesang

 

Kleiner Gesang

Regenbogengedicht,
Zauber aus sterbendem Licht,
Glück wie Musik zerronnen,
Schmerz im Madonnengesicht,
Daseins bittere Wonnen
Blüten vom Sturm geweht,
Kränze auf Gräber gelegt,
Heiterkeit ohne Dauer,
Stern, der ins Dunkel fällt;
Schleier von Schönheit und Trauer
Über dem Abgrund der Welt.

Hermann Hesse

Fotos: Sylvia Waldfrau

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Manchmal……………

Manchmal, wenn ein Vogel ruft
oder ein Wind geht in den Zweigen
oder ein Hund bellt im fernsten Gehöft,
dann muss ich lange lauschen und schweigen.
Meine Seele flieht zurück,
bis wo vor tausend vergessenen Jahren
der Vogel und der wehende Wind
mir ähnlich und meine Brüder waren.
Meine Seele wird Baum
und ein Tier und ein Wolkenweben.
Verwandelt und fremd kehrt sie zurück
und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben?
(Hermann Hesse)
Fotos Sylvia Waldfrau
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Spätsommer

 

Noch schenkt der späte Sommer Tag um Tag
Voll süßer Wärme. Über Blumendolden
Schwebt da und dort mit mildem Flügelschlag
ein Schmetterling und funkelt sammetgolden.

Die Abende und Morgen atmen feucht
Von dünnen Nebeln, deren Naß noch lau.
Vom Maulbeerbaum mit plötzlichem Geleucht
Weht gelb und groß ein Blatt ins sanfte Blau.

Eidechse rastet auf besonntem Stein,
Im Blätterschatten Trauben sich verstecken.
Bezaubert scheint die Welt, gebannt zu sein
In Schlaf, in Traum, und warnt dich, sie zu wecken.

So wiegt sich manchmal viele Takte lang
Musik, zu goldener Ewigkeit erstarrt,
Bis sie erwachend sich dem Bann entrang
Zurück zu Werdemut und Gegenwart.

Wir Alten stehen erntend am Spalier
Und wärmen uns die sommerbraunen Hände.
Noch lacht der Tag, noch ist er nicht zu Ende,
Noch hält und schmeichelt uns das Heut und Hier.

Hermann Hesse

Fotos: Sylvia Waldfrau

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Der Blütenzweig

Immer hin und wider

Strebt der Blütenzweig im Winde,

Immer auf und nieder

Strebt mein Herz gleich einem Kinde

Zwischen hellen und dunklen Tagen,

Zwischen Wollen und Entsagen

Bis die Blüten sind verweht

Und der Zweig in Früchten steht,

Bis das Herz, der Kindheit satt,

Seine Ruhe hat

Und bekennt: voll Lust und nicht vergebens

War das unruhvolle Spiel des Lebens.

Hermann Hesse

Fotos: Sylvia Waldfrau

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Weiße Wolken

Weiße Wolken

O schau, sie schweben wieder

Wie leise Melodien

Vergessener schöner Lieder

Am blauen Himmel hin!

Kein Herz kann sie verstehen,

Dem nicht auf langer Fahrt

Ein Wissen von alten Wehen

Und Freuden des Wanderns ward.

Ich liebe die Weißen, Losen

Wie Sonne, Meer und Wind,

Weil sie der Heimatlosen

Schwestern und Engel sind

Hermann Hesse

Fotos: Sylvia Waldfrau

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