Ich danke Euch allen

 

Nur langsam lässt meine Anspannung nach, aber wir haben es geschafft. Der Vertrag ist unter Dach und Fach und gleich bin ich auf einen Drink bei lieben Freunden eingeladen. Vielen Dank für Eure lieben Wünsche und das viele Daumendrücken, es hat mich sehr berührt.

Fotos: Sylvia WaldfrauP1040121

Ich danke allen, die meine Träume belächelt haben.

Sie haben meine Phantasie beflügelt.

Ich danke allen, die mich in ihr Schema pressen wollten.
Sie haben mich den Wert der Freiheit gelehrt.

Ich danke allen, die mich belogen haben.
Sie haben mir die Kraft der Wahrheit gezeigt.

Ich danke allen, die nicht an mich geglaubt haben.
Sie haben mir zugemutet, Berge zu versetzen.

Ich danke allen, die mich abgeschrieben haben.
Sie haben meinen Mut geweckt.

Ich danke allen, die mich verlassen haben.
Sie haben mir Raum gegeben für Neues.

Ich danke allen, die mich verraten und missbraucht haben.
Sie haben mich wachsam werden lassen.

Ich danke allen, die mich verletzt haben.
Sie haben mich gelehrt, im Schmerz zu wachsen.

Ich danke allen, die meinen Frieden gestört haben.
Sie haben mich stark gemacht, dafür einzutreten.

Ich danke allen, die mich verwirrt haben.
Sie haben mir meinen Standpunkt klar gemacht.

Vor allem danke ich all jenen, die mich lieben, so wie ich bin. Sie geben mir Kraft zum Leben!

Paulo Coelho

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Willkommen in der Realität

„Willkommen in der Realität“ sagte ich heute zu meinem Ex. Endlich  haben wir eine Wohnung für ihn gefunden. Sie ist einfach und klein, aber er wollte nicht mehr zahlen und hatte unrealistische Vorstellungen was man dafür bekommen kann. Nun nörgelt er, hat sich selbst aber überhaupt nie bemüht. Ich habe auf so viele Inserate geschrieben, mit so vielen Vermietern telefoniert,  Besichtigungstermine vereinbart und zum Dank höre ich nun nur Kritik an der Wohnung. Er ist Ausländer und ich habe gespürt, dass es da Ressentiments gab, auch wenn es nicht zugegeben wurde. Da wurden Bürgschaften von mir erwartet, Einblicke in private Dokumente verlangt und das ging weit über das hinaus was üblich ist und es war eindeutig aufgrund seiner Nationalität. Nun gibt es endlich ein Chance und er erkennt nicht, dass er froh darüber sein sollte. Man kommt ihm ohne Vorurteile entgegen und er stellt noch unberechtigte Forderungen  Hoffentlich kann ich das auffangen.

Dankbarkeit hatte ich ja schon gar nicht mehr erwartetet, aber wenigstens Respekt davor, dass ich mich so bemüht habe, obwohl es nicht meine Aufgabe war. Nun muss er lernen dass er nicht mehr so bequem leben kann. Ich war seine Übersetzerin, Integrationsbeauftragte und Vermittlerin. Leider bemühte er sich immer weniger  sich selbst zu informieren und weigerte sich auch immer mehr überhaupt Ratschläge anzunehmen. Es kostete mich unendlich viel Kraft das noch auszuhalten. Seit neun Monaten weiß er, dass ich mich trennen will, aber er ignorierte es einfach  total.

Am Mittwoch kann er nun den Mietvertrag unterschreiben und ich hoffe inständig, dass er das auch tut und endlich auszieht. Er ist nun so viele Jahre hier und ist doch nicht angekommen. So schwierig ist es teilweise mit der Integration und den zu großen Träumen, die sich nicht so einfach verwirklichen lassen.

Brief an meinen Vater

Diesen Beitrag veröffentlichte ich vor 7 Monaten. Nun bekam ich die Nachricht, dass es meinem Vater gesundheitlich sehr viel schlechter geht und er selbst seine Frau noch selten erkennt. Ich habe diesen Brief heute nochmals gelesen und möchte ihn gerne nochmals veröffentlichen, auch als Trost für mich, denn ich kann ihn leider nicht in Colorado besuchen. Und ich sende hiermit alle meine lieben Gedanken zu ihm und auch zu seiner Frau, die ihn rührend umsorgt.

 

Liebster Papa,

ich weiß, dass du noch du selbst bist, wir dir aber fremd geworden sind. Du kennst uns noch aus der Vergangenheit, aber heute erkennst du uns nicht mehr.

Ich weiß auch,  dass du nun zufrieden in deiner eigenen Welt lebst und meist fröhlich und auf kindliche Weise glücklich bist. Wir sind es die traurig sind. Du vermisst uns nicht, aber wir vermissen den Vater, der du warst.

Deine Kindheit in den Bergen war, deinen Erzählungen nach, eine glückliche Zeit, die in der Jugend aber jäh durch den Krieg endete. Fast noch ein Kind hast du seine Grausamkeit kennengelernt. Du musstest als Soldat kämpfen und bist nur knapp der Kriegsgefangenschaft entronnen. Vieles was du damals erlebst hast, konntest du nie in Worte fassen.

Als junger Ehemann und Vater von drei Kindern musstest du dann deine geliebte Heimat verlassen. Mit nur zwei Rucksäcken mit allem Hab und Gut und den kleinen Kindern war ein Neuanfang schwer. Du hast für uns um ein gutes Leben gekämpft und wir konnten unbeschwert aufwachsen. Du hast uns trotz  aller Widrigkeiten so vieles ermöglicht.

Ich hatte eine wundervolle Kindheit und Jugend. Du warst mein Ein und Alles und gabst mir immer Geborgenheit und Sicherheit. Die Schönheit der Natur hast du mir nahe gebracht und den Blick für kleine Schätze geschärft. Wandern und Skifahren in den Bergen waren deine große Leidenschaft, die du an uns weitergegeben hast. Schon mit zwei Jahren stand ich auf Skiern. Ferien in den Bergen mit dir waren immer ein Abenteuer und während unsere Freunde damals meist zu Hause blieben, hast du uns immer diese Reisen möglich gemacht. Zwar waren unsere Quartiere einfach, aber es war trotzdem wundervoll.

Beruflich erfolgreich bist du dann um die ganze Welt gereist und brachtest andere Kulturen und Gäste aus fremden Gefilden in unser Wohnzimmer. Das öffnete unseren Horizont und machte uns weltoffen und tolerant. Mit einem guten Whiskey in der Hand hörtest du gerne Jazzmusik auf der Terrasse und ich saß manchen Abend dort mit dir unter dem Sternenhimmel.

Dein Sohn, unser Bruder und einige Jahre darauf dessen Frau, sind viel zu früh von uns gegangen. Auch dieses Schicksal musstest du ertragen.

Bei all diesen schweren Schicksalsschlägen ist das Vergessen vielleicht auch eine Erlösung.

Es gab Zeiten, da haben wir uns nicht gut verstanden, da war nur Stille zwischen uns. Wir haben beide darunter gelitten, aber es war keine Einigung möglich. Aber als zu so weit weg gezogen bist, entstand langsam wieder Nähe und wir konnten uns verzeihen.

Nun blickst du in Colorado wieder auf deine geliebten Berge und erinnerst dich dadurch hoffentlich täglich vor allem an deine glückliche Tage der Kindheit und Jugendzeit. Die schrecklichen Zeiten sind vermutlich durch die Krankheit in der Vergesslichkeit versunken und du kannst nun in Frieden leben.

Deine kindliche Zufriedenheit mildert unseren Schmerz darüber, dass du dich langsam Schritt für Schritt mehr von uns entfernt hast,  und unsere Liebe bleibt trotzdem bestehen.

Foto: Eigentum Sylvia Waldfrau

Solitude / Einsamkeit

Foto: Sylvia Waldfrau

Meine Einsamkeit

Weil ich so oft geschlafen habe
mit meiner Einsamkeit
Hab ich mich fast mit ihr angefreundet
eine süße Gewohnheit

Sie weicht nicht von meiner Seite
treu wie ein Schatten
Sie ist mir hin und her gefolgt
in alle vier Winde

Nein, ich bin nie allein
mit meiner Einsamkeit

Wenn sie mitten in meinem Bett ist
nimmt sie den ganzen Raum
Und wir verbringen lange Nächte
wir beide Seite an Seite

Ich weiß wirklich nicht wie weit
diese Verbindung gehen wird
Sollte ich sie freudig annehmen
oder zurückweisen?

Nein, ich bin nie allein
mit meiner Einsamkeit

Durch sie habe ich so viel gelernt
wie ich Tränen vergossen habe
Wenn ich sie manchmal verleugne
entwaffnet sie mich nie

Georges Moustaki

Stationen

In meinem Alter kann man schon einen Rückblick auf sein Leben wagen. Was waren wichtige Stationen im Leben, auf was kann man stolz sein, welche Erfahrungen waren wichtig.

Meine Kindheit war glücklich, dass legte den Grundstein für ein selbstbestimmtes Leben. Die Jugend war sehr rebellisch, da erlangte ich Selbstbewusstsein und Mut und erlebte meine erste Liebe. Bevor ich aber in einem zu bürgerlichen Leben hängen zu bleiben drohte, machte ich mich auf den Weg.

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Meine Berufswahl hatte zwei große Vorteile. Ich konnte meine Leidenschaft, das Lesen ausleben und als Buchhändlerin hatte ich die Freiheit meinen Wohnort wählen zu können. Ich arbeitete dann in verschiedenen Städten. Das erweiterte meinen Horizont und ich bemerkte, man kann überall gute Freunde finden, wenn man offen ist.

Der Sprung in die Selbstständigkeit, zusammen mit meinem Lebensgefährten, brachte neue Erfahrungen, viele liebe Musikerfreunde und ein Haus in Irland. Ich entdeckte meine handwerklichen Fähigkeiten beim Aus- und Umbau unserer zwei Häuser und übernahm viel Verantwortung in unserer Firma. So lernte ich: Selbst ist die Frau.

Nach der Trennung wechselte ich in einen anderen Beruf, was mir bewies, man kann Vieles erlernen. In dieser Zeit reiste ich auch meist allein. Ich hatte nie Angst und so selbstbewusst wie ich war, machte ich auch keine schlechten Erfahrungen. Die Abenteuerlust steckte schon immer in mir und kam nun verstärkt zum Vorschein. Dann, mit einem  neuen Partner aus der Jazz-Szene entdeckte ich noch viele weitere Städte samt Clubs und Nachtleben und stellte fest dass das Leben ein herrliches, aber anstrengendes Abenteuer sein kann.

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Mit Anfang 30 lernte ich dann den Vater meiner Tochter kennen. Er, aufgewachsen in ländlicher Umgebung, entdeckte an meiner Seite eine andere Welt. Wir hatten eine gute Zeit zusammen, so lange wir uns außerhalb seines bisherigen Umfelds bewegten. Er schaffte aber den Absprung aus seiner sicheren aber einengenden Umgebung nicht. Wir trennten uns. Ich erkannte dass man niemanden ändern kann.

Kurz darauf fing ein neuer Lebensabschnitt an: die Geburt meiner Tochter. Vom Vater hatte ich mich getrennt, entschied mich für mein Kind, aber gegen eine Ehe. Dies war die einschneidendste Station meines Lebens. Vorher sehr gut verdienend, immer berufstätig, setzte ich nun aus, um für mein Kind da zu sein. Und es war eine wundervolle Zeit. Die kleinen, schönen Dinge standen nun im Vordergrund. Es war eine große Bereicherung für mich und voller Staunen sah ich das Heranwachsen eines neuen Lebens. Die Verantwortung stärkte mich. Zum Vater entstand eine friedliche Freundschaft, was mir für mein Kind sehr wichtig war. Ich entdeckte wieder, auch durch die Augen meiner Tochter, wie viel Freude man am Entdecken der Welt haben kann.

Nach der Erziehungszeit zog ich zurück in meine alte Heimatstadt und baute uns ein neues Leben auf. Zuerst unterstützt von meiner Mutter, brach, nach ihrem zu frühen Tod, die anstrengendste Zeit meines Lebens an. Kind und Arbeit unter einen Hut zu bringen war ein großer Kraftakt. Aber ich kann heute stolz sagen, dass ich diese Schwierigkeiten, auch dank guter Freundschaften, bewältigen konnte. Mein Fazit aus dieser Zeit: Man kann immer Lösungen finden.

Einige Jahre lebte ich recht zufrieden ohne Partner. Es fehlte an der Zeit und Kraft mich auf das Abenteuer einer neue Partnerschaft einzulassen. Durch Kind und liebevolle Freundschaften war mein Leben trotzdem erfüllt und abwechslungsreich. Meine Lehre daraus: Allein sein bedeutet nicht einsam zu sein. Später heiratete ich dann doch noch. In der Wahl meiner Ehen war ich dann aber nicht erfolgreich. Da hätte ich weiser sein können, aber dies ist ein Thema für sich. Vielleicht werden meine Erfahrungen einmal ein extra Beitrag, vielleicht auch nicht. Gerade bin ich wieder in der Trennungsphase und das ist keine leichte Zeit.

Seit letzten Herbst schreibe ich nun diesen Blog und freue mich über das Feedback und die lieben Kommentare. Mein Hobby, das Fotografieren und meine Erfahrungen kann ich nun teilen.

Ich, mit meinem Spielzeug

Meine Überzeugung schlussendlich ist: Ich kann wunderbar alleine leben und bin immer noch neugierig und gespannt darauf, was das Leben noch bringt. Man lernt nie aus, denn das Leben ist ein wundervolles Abenteuer.

Live

 

 

 

Rhythm and Blues/ Neue Zeit

Im Quasimodo, einer Jazzkneipe in Berlin, lernte ich ihn kennen. Nach all der Folkmusik fand ich zurück zum Jazz. Nach der Trennung von meinem langjährigen Lebensgefährten reiste ich alleine und besuchte viele Städte und Konzerte. Mehrmals flog ich einige Tage nach Berlin, damals noch mit einer amerikanischen Fluggesellschaft, die deutschen durften Berlin damals nicht anfliegen. Nach einem Konzert von Slickaphonics, die ich schon von den Straßburger Jazztagen kannte, gab es noch einen Late-Night-Drink in meinem Lieblingsjazzclub.

So begegnete er mir. Ich liebte zuerst sein Saxophonspiel, wenn ich ehrlich bin. Die Band war aus Liverpool und spielte Rhythm and Blues. Ein Freund war auch da, der die Band kannte und so kamen wir ins Gespräch.Wir unterhielten uns an dem Abend über englische Gedichte und er zitierte einige frei aus dem Kopf. Das imponierte mir und wir fanden uns sehr sympathisch und trafen uns wieder. So entstand meine erste und einzige Wochenendbeziehung. Freitag nach der Arbeit trank ich eine Kanne Kaffee, setzte ich mich in meinen klapprigen, quitschgelben R4, der Ernie hieß, da ich auf dem Kofferraum den großen Adler von „Ernie Ball“ aufgeklebt hatte und reiste der Band nach.

Das Auto hatte ich für 300 DM gekauft, die Musikanlage darin kostete damals ein Vielfaches. Ich fuhr also, mit dröhnender Musik, da das Auto so laut klapperte, quer durch die südliche Hälfte der Republik und der Schweiz um ihm nahe zu sein. Das war mein Lieblingslied zu der Zeit:

Lustig war es immer in der Schweiz. Erst beim drittletzten Song geriet das Publikum außer Rand und Band. Ein seltsamer Anblick, die sonst so gemütlichen und etwas steifen Schweizer, auf den Tischen tanzen zu sehen. Die Band war live einfach mitreißend und wir kamen immer erst gegen Morgen in die Federn. Vorher konnte keiner schlafen, denn nach dem Konzert war immer die beste Stimmung und alle hellwach. So lernte ich das Nachtleben und viele nette Nachteulen der Städte kennen.

Uhrig_Donnelly

Ein Jahr lang hielt ich es durch, dann war ich es müde immer unterwegs zu sein. Ich kannte nun alle Clubs von Mannheim und Frankfurt bis Basel und trank zuviel Kaffee mit Cognac um bis morgens wach zu bleiben. An den Liverpooler Slang hatte ich mich inzwischen gewöhnt, aber nicht an das Tourleben. Privatleben war rar und ich saß mehr in Clubs und trank mehr als mir lieb war. Aber ich möchte die Zeit nicht missen.

Übrigens, die Band gibt es immer noch, wenn auch in immer wieder wechselnder Formation:

Illusion

Gestern als wir in der Sonne im Park saßen, beobachteten wir lange einen Speerwerfer, der übte. Wie auf einer Bühne stand er vor uns auf der Wiese im Sonnenlicht.

Zuerst stand er eine Weile ruhig und entspannt an einer Stelle und blickte starr in eine Richtung. Er bückte sich und hob etwas auf. Beim Aufrichten schien er die Schwere des Speeres in der flachen Hand abzuschätzen.  Er scharrte dann leicht mit den Füßen um eine gute Startposition zu finden, streckte langsam und bedächtig den Arm hinter die Schulter, blickte zurück um die Balance des Speers zu prüfen, tänzelte ein paar Schritte um dann mit kraftvollen Schritten vorwärts zu streben und im Laufen den Arm nach vorn reißend machte er einige leichte Sprünge und schleuderte den Speer ab. Auf einem Fuß balancierend schien er einen Moment lang wie ein Tänzer im Sonnenlicht zu schweben, bevor er wieder fest auf der Erde stand. Lange schaute er dem davongleitenden Speer nach, als hätte er den Wunsch mitfliegen zu können.  Wir dachten, wir hören das Schwirren des Speers, der die Luft teilt. Dann begann er die Übung von vorn.

Faszinierend war, dass er gar keinen Speer in der Hand hatte. Er übte einfach als hätte er ihn dabei und war völlig überzeugend.

Wir waren gefangen von seinen Bewegungen die harmonisch waren und uns wie ein sich immer wiederholender Tanz erschienen. Da der Park zur Psychiatrie-Klinik gehört, hatten wir wohl einen Patienten vor uns. Er hat uns überzeugt ein guter Speerwerfer zu sein.

„Die Verzweiflung schickt uns Gott nicht, um uns zu töten, er schickt sie uns, um neues Leben in uns zu erwecken“ Aus Hermann Hesse, Das Glasperlenspiel

 

 

Wie wir zu Dudelsackimporteuren wurden

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Mein ehemaliger Lebensgefährte, Journalist und Musiker, war immer auf der Suche nach Stories und Instrumenten rund um die Musik. So organisierte er eine Privatvorführung im Uilleann-Pipes Museum in Dublin. Ein zerknitterter alter Herr führte uns spät abends durch die Räumlichkeiten und spielte uns Reels und Jigs auf den Pipes vor. Die Töne füllten die leeren Räume und verursachten Gänsehaut. Mit typisch irischem Akzent erklärte er uns die Technik und wir durften auch versuchen ein paar Töne zu entlocken. Es ist schwer mit einem Arm die Luft in den Sack zu pumpen und gleichzeitig mit beiden Händen die Flöte zu spielen. Wir hatten viel Spaß trotz aller Missklänge.

So eingestimmt, schlenderten wir danach durch Dublin auf der Suche nach einem Pub mit Livemusik. Im Schaufenster eines kleinen, versteckten Secondhand -Musikgeschäft entdeckten wir eine edle Querflöte aus Ebenholz die uns sofort faszinierte. Am nächsten Morgen standen wir natürlich früh in diesem Lädchen und hielten die wundervolle Flöte in unseren Händen. Im mit Samt ausgelegten Kästchen stand: Camac, Mouzeil. Der Inhaber wusste aber nicht viel über die Herkunft. Ohne lange zu zögern gingen wir zum nächsten Telefon in einem Pub. Damals waren da noch Münzautomaten. Man rief die Vermittlung an und die sagte dann wie viele “coins” man einwerfen musste. Mouzeil, dachten wir uns müsse in Frankreich liegen. Wir wurden verbunden und ich höre noch heute das klong, klong der vielen fallenden Münzen.Uns schwebte ein Baskenmützen tragender Franzose in einer kleinen dunklen Werkstatt vor und wir waren neugierig auf ihn und seine Flöten. Also baten wir um die Adresse und falls vorhanden, um einen Prospekt.

Einige Zeit später und zurück in Deutschland traf ein Päckchen bei uns ein. Darin lag ein dicker Ordner. Das war eine wie Wundertüte für Musiker. Da gab es Instrumente für Folkmusiker aus aller Welt. Gerade da gab es einen Boom in der Folkmusiksszene und mein Partner, der selbst irische Musik in einer Band spielte, erkannte sofort diesen Schatz. Es gab auch für die Mittelaltersszene Instrumente wie Dudelsäcke und alte Lauten. Ein Griff zum Telefon war das nächste und wir kündigten unseren Besuch in der Bretagne an. Dort angekommen fanden wir eine sehr große  Firma vor. Mit staunenden Augen bewunderten wir in den Fertigungshallen voller prachtvoller Harfen, Dudelsäcken, keltischen Trommeln und vielfältigen Sorten von Flöten. Nach einem Gespräch bei gutem Essen mit den Chefs wurden wir für viele Jahre erfolgreiche Importeure für all diese Schätze. Und das Alles nur wegen einer ebenhölzernen Querflöte aus einem kleinen verstaubten Laden in Dublin.

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