Ein Haus in Irland

Vorab: ein paar Fotos sind Kopien und sehr alt und haben deshalb einen antiken Touch  🙂

Auf einer unserer Fahrten entlang des Ring of Beara mit unserem VW Bus entdeckten wir, als wir einen Schlafplatz suchten und uns, auf einem schmalen Weg Richtung Meer, zwischen den hohen Fuchsienhecken durchzwängten ein altes, leerstehendes Haus.P1060498

Wie im Dornröschenschlaf war der Eingang zugewuchert und der Garten verwildert. Wir traten durch das verfallene Türchen in den Vorgarten und wurden von einem atemberaubenden Blick auf das Meer überrascht. Die Lage war wunderbar, das Haus etwas marode, aber keine Ruine. Unser Interesse war geweckt, denn es war unser Traum ein Haus in Irland zu haben. Mein Freund, als Musiker, trat oft in Irland auf und wir suchten deshalb dort ein zweites Domizil.Eyeries.5

Im oberhalb liegenden Dorf Eyeries erkundigten wir uns wem das Haus gehört und erfuhren, dass es vor Jahren ein Hamburger wohl auf Grund eines Fotos gekauft hatte, einmal kam und danach nie wieder gesehen wurde. Den Namen kannte niemand, nur der Notar wurde uns genannt, der den Kauf abgewickelt hatte. Es war eine Sisyphusarbeit den Besitzer herauszufinden. Der war beim Anblick des Hauses wohl so geschockt gewesen, dass er froh war, die „Hütte“ wie er sie nannte, loszuwerden. Und so wurden wir stolze Besitzer eines Hauses an der Westküste von Irland. So sah das Haus vor der Renovierung aus:P1060497

Das Dorf Eyeries war klein, hatte nur eine Kirche, eine Tankstelle, einen kleinen Lebensmittelladen, aber natürlich drei Pubs. Patricks Pub (jeder dritte dort heißt Patrick) wurde unsere Stammkneipe, dort lernten wir die dann die meisten Einwohner kennen und schlossen einige Freundschaften.Patricks Pub.Eyeries

Manchen Abend sangen wir dort mit den Iren zusammen lange Balladen am offenen Kamin. A pint of Guiness oder ein Glas mit einem guten irischen Whiskey in der Hand wurden wir in die Dorfgeschichten eingeweiht. Ein 80jähriger, fast ohne Zähne,  nuschelte mir damals dort einen Heiratsantrag ins Ohr. „Slàinte“ erwiderte ich nur und lachte.

Das Haus auszubauen war viel Arbeit und die Beschaffung von Material abenteuerlich. Wir deutschen Standard gewohnt, hatten genaue Vorstellungen. Die Iren staunten, wenn wir Material suchten oder schüttelten den Kopf. Doppelglasfenster, was ist das? Bodenisolierung??? Braucht man das? Unsere Wasserleitung wurde überirdisch über die Schafs- und Kuhweiden gelegt. Kam kein Wasser, dann war eine Kuh darauf getreten. Durch den Golfstrom ist der Winter mild und ohne Bodenfrost . Trotzdem schachteten wir den Boden im Haus etwas aus, da es wegen dem felsigem Untergrund keine Keller gibt, und  bestellten Kies. Die Männer des Dorfes kamen täglich und wollten das deutsche Bauwunder erklärt haben. Unser zwei auf vier Meter großes Panoramafenster wurde aus Dublin angeliefert und der Lkw brauchte eine Stunde nur vom Dorf zum Haus und zurück. Rückwärts musste er sich seinen Weg zurückbahnen. Leider war dann das Doppelglasfenster undicht und so holten sie es im nächsten Frühjahr wieder ab und lieferten ein neues. Wir waren Gesprächsstoff Nummer Eins im Dorf. Das Dach wurde abgedeckt, neue Ziegel sollten verlegt werden. In dieser Nacht gab es Sturm, der Regen fiel wie ein Wasserfall und unsere Plastikplane über dem Dach bekam Löcher. Eine Nacht lang stellten wir Wannen und Schüsseln auf und leerten sie alle Stunden. Als später die Ziegel ausgingen, da hieß es im Baustoffhandel in Castletownbere, dass es zwei Monate ginge bis sie neue hätten. Also bestellten wir diese auch in Dublin und erneut quälte sich ein Lkw über unseren engen, holperigen Weg zum Haus.

 

Lovely weather, isn’t it? wurden wir immer überall im Dorf begrüßt und dann frug man nach dem Baufortschritt. Unser gelber VW-Bus war auch nicht zu übersehen und waren wir damit unterwegs, nickten sie uns mit einem kurzen Kopfrücken nach links zu. Am Anfang konnte ich diese Bewegung nicht einordnen, aber da es alle taten, fingen wir an das auch zu üben. Das war ihr Gruß. Öfters hielt uns auch jemand an. Einmal streckte uns ein wirklich alter Mann seinen Stock in den Weg und ließ sich mitnehmen. Nach 500m holten wir seine Schafherde ein, da stieg er wieder aus und trieb sie weiter. Sein Geruch hing noch eine Weile im Auto. Lovely smell, isn’t it? scherzten wir und rissen die Fenster auf.

Als dann am Haus endlich alles fertiggestellt war, fing die erholsame Zeit an und wir genossen jeden Tag in unserer zweiten Heimat. Viele Jahre verbrachten wir dort, manchmal mehrere Monate am Stück und fanden viele gute Freunde. Leider gibt es vom fertigen Haus nur Dias, es war ein Schmuckstück geworden.

Es gibt da noch die ein oder andere Geschichte aus dieser Zeit zu erzählen……….

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Blick aus unserem Panoramafenster aufs Meer. Morgens weckte uns häufig das Blöken der Schafe und jeden Abend sahen wir einen spektakulären Sonnenuntergang. Sonnenuntergang.1

 

Geschichten aus der Vergangenheit

Mit meinem ehemaligen Lebensgefährten zusammen haben wir, vor vielen Jahren, ein altes Fachwerkhaus in der badischen Rheinebene renoviert. Ganz nach der alter Tradition wurde es mit viel Eigenleistung zum Schmuckstück. Damals gab es einige Künstler und Journalisten die sich dafür begeistern konnten und diese alten Häuser aufkauften. Für die Dorfbewohner waren wir ein Rätsel. Sie wollten selber lieber in großzügigen Neubauten mit großen Fenstern und Komfort leben, als in den alten Häusern mit dunklen, kleinen Stuben.

Auch innen hatten wir den Anspruch authentisch zu sein. Den alten Brotbackofen und den Herd mit Wasserschiffchen behielten wir natürlich neben einem modernen Elektroherd. Eintöpfe gelangen hervorragend auf dem alten Holzherd. Und die Wärme war heimelig. So war unsere Küche ein beliebter Treffpunkt mit besonderem Flair.

Küche.1

 

Dies war früher kein reiches Bauernland und entsprechend klein und nah beieinander gelegen waren die Bauernhäuser und Grundstücke. Die Nachbarschaft sah also eher ungläubig zu, wie wir voller Begeisterung, die in ihren Augen alten Hütten, zu neuem Leben erweckten.

Downloadhaus.Rheinau

Wir waren ihnen suspekt und es benötigte sehr viel Zeit bis man sie mit viel Glück vielleicht in ein Gespräch verwickeln konnte. Unser VW-Bus, unsere Besucher aus aller Welt taten das ihrige dazu, dass wir die Nachbarn oft nur hinter vorgezogenen Vorhängen erahnen konnten. Es war die Zeit da wir Importeure von Musikinstrumenten waren und Musiker bei uns ein und ausgingen. Einige in „Hippie-Kleidung“ mit seltsamen Instrumentenkästen unter dem Arm, manche etwas rockiger gekleidet, wirkten wir alle so fremdartig auf sie,  dass sie sich lieber von uns fern hielten. Nur ein alter Zimmermann, fast 80 Jahre alt, freute sich, da er seine alte Handwerkskunst, Fachwerkbalken ohne Hammer und Nägel einzusetzen, vorführen konnte. Von ihm lernte ich aus was ein „Goisafuß“ (Geißfuß) ist. Mein Freund als Musiker  und ich, als Buchhändlerin, wir hatten bislang wenig mit Handwerkszeug zu tun und lernten nun mit Hammer, Säge und dem Geißfuß umzugehen. Es gab nichts Schöneres für mich wie nach der Arbeit in unserem Import mit der Axt im Hof Kleinholz zu spalten.  Aller Stress war dann wie weggeblasen.

Gegenüber unserem Haus wohnte eine badische Bauernfamilie. Ihr Haus war auch ein schmuckes Fachwerkhaus mit einer seltsamen Scheune. Neugierig geworden sprach ich den alten Bauern, als er einmal nicht ausweichen konnte, an und so kamen wir dann doch ins Gespräch. Der badische Dialekt war mir inzwischen vertraut. „Das ist ein Tabakschopf“ klärte er mich auf.

TabakschopfTabakscheune.1

Vor vielen Jahren hat man hier Tabak angebaut, erzählt er mir. Inzwischen sei der vom Mais abgelöst worden. Früher, da hätten die Frauen den frisch geschnittenen Tabak vor dem Trocknen aufgefädelt. Sie sind alle zusammen gesessen, die Weibsleut und das war ein Fest, meinte er und erzählte weiter: Als Kinder sind wir immer dabei gesessen und haben die Ohren gespitzt, da der gesamte Dorftratsch besprochen wurde und so manches Geheimnis ans Tageslicht kam. Danach hat man den Tabak im Schopf aufgehängt und bei schönen Wetter wurden die Luken geöffnet damit er Luft bekam und gut trocknete. Wenn er dann gut war, dann wurde er mit dem Pferdefuhrwerk nach Bruchsal gefahren. Da war man einen ganzen Tag unterwegs. Roth-Händle hätten sie dort hergestellt.

PferdewagenTabak

Seid ihr auch manchmal nach Straßburg rüber gefahren? Fragte ich, um noch etwas mehr zu erfahren. „Nein, um Gottes Willen, zum Franzos sind mir nie gange“, kam es sofort, „des ist doch der Erzfeind“. Sie nannten die Franzosen übrigens auch „de Wackes“ und im Dorf sprach sagte man noch „Ihr“ anstatt „Sie“ also 2.Person Plural. „Au mein Sohn geht it nüber “ ergänzte er noch, „des isch fei g’fährlich da Auto zu fahren. „Luuuuuuuuuiiiiiiiiiiissssssssss“, tönte es laut aus der Stube. „I muss nei, zu meiner Frau“ entschuldigte er sich und war weg. Danach gab es immer wieder einmal Gespräche, er war aufgetaut und wir waren ihm nicht mehr so fremd. Seine Frau läge seit zehn Jahren im Bett, erzählte er mir. Von der schweren Arbeit auf dem Hof  sei sie so schwer erkrankt.

Wir selbst waren oft in Frankreich. Kehl, das unsere nächste Stadt und eine typische Grenzstadt war, bot wenig Abwechslung, Einkaufsmöglichkeiten oder Lebensqualität und hatte keinen Charme. Also bevorzugten wir Strasbourg mit seinen wundervollen Kneipen, Restaurants und Marktzentren, in denen die Auswahl an frischen Spezialitäten aus aller Welt so umfangreich war, wie wir das in Deutschland nicht kannten.

Viele Einheimischen aber mieden es über die Grenze zu fahren. Seltsame Vorurteile wurden als Grund angegeben. Für uns war das völlig unverständlich. Aber wir waren ja auch nicht die typischen Dorfbewohner, waren viel gereist, hatten auch unser Haus in Irland und Musikerfreunde aus aller Welt. Auf dem Dorf schauten uns damals selbst die jungen Leute kritisch an. Sie waren in ihr Dorfleben eingebunden und damit zufrieden. Und ich denke, dass noch heute so Mancher in seiner dörflichen, kleinen Welt und dieser scheinbarer Idylle so lebt und Ressentiments gegenüber Unbekanntem und Fremden hat.

Später machten wir dann eine Kneipe mit Musik, Theater und Ausstellungen auf, aber das ist eine weitere Geschichte…..

Geschichten aus der Vergangenheit

Urgroßmutter Anna mit Freundinnenlinks Urgroßmutter Anna und Besitzerin der Peterbaude mit Freundinnen

Dank Herrn Trittenheims virtuellen Lagerfeuer im Beitrag: „Einiges über die Magie der gesprochenen Sprache“, fielen mir wieder die Erzählungen meiner Großmutter von früheren Zeiten ein. Gebannt saß ich bei ihr und Bilder entfalteten sich vor meinen Augen, Düfte zogen an mir vorbei und ich glaubte die klirrende Kälte des Winters oder die Wärme der Bergsonne auf den Sommerwiesen zu fühlen. Meine Großmutter , sowie auch mein Vater, sind im Gebirge auf einer Baude (Berghotel) geboren und aufgewachsen. Meist von Gästen umgeben hatten sie dadurch viel Anregung und trotz der einsamen Lage in den Bergen viel Kontakt mit Menschen.

Großmama erzählte vom Fünf-Uhr-Tee, bei dem im Winter im blauen Zimmer die Gaslampen entzündet und leckerer Kuchen zum Tee oder Kaffee gereicht wurden. Auf der roten Veranda wurde abends Romme, Canasta und Bridge bei Zithermusik gespielt. Allabendlich gab es außerdem Tanz im Saal, es gab Theateraufführungen, Buchlesungen oder Gedichte wurden vorgetragen. Ihr älterer Bruder brachte dann ein Gramaphon mit und dann gab es auch Jazzmusik von Schellackplatten. Sie erzählte vom langen Winter, wo der Wind um die Bergkuppen heulte und die Latschenkiefern zu Eissäulen erstarrten. Wie beschwerlich ihr Weg auf Skiern zur Schule war oder wie sie auch oft mit dem Hörnerschlitten zu Tal fuhren. Von den ersten Frühlingstagen, als die Kühe Luftsprünge vor Freude machten, wenn sie wieder auf die Wiesen durften, von Wanderungen mit Freunden in der sommerlichen Wärme und dem Duft von frisch gemähtem Gras.

Schon früh liebte ich es in alten Fotoalben zu blättern und kleine, alte Erinnerungsstücke zu sammeln. Viel, viel später und durch einen Zufall entdeckte ich Online einen Prospekt von der Peterbaude (siehe Wikipedia) von 1929 in einem Antiquariat. Nur zwei Exemplare waren noch vorhanden. So bekam ich nun endlich die Räume zu sehen in denen die Geschichten meiner Großmutter stattgefunden haben und ich konnte die Neugier meiner Neffen und meiner Tochter stillen. Leider können ihre Großeltern nicht mehr so wundervoll von alten Zeiten erzählen. Meine Mutter ist verstorben und mein Vater lebt schon lange in den USA und ist leider an Demenz erkrankt. Aber die Geschichten sind nicht vergessen und die Bilder nicht verloren, auch wenn unsere Heimat nun ganz woanders ist.

Drei Brüder
Drei Brüder (mein Papa in der Mitte)

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Saal
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