Geschichten aus der Vergangenheit

Mit meinem ehemaligen Lebensgefährten zusammen haben wir, vor vielen Jahren, ein altes Fachwerkhaus in der badischen Rheinebene renoviert. Ganz nach der alter Tradition wurde es mit viel Eigenleistung zum Schmuckstück. Damals gab es einige Künstler und Journalisten die sich dafür begeistern konnten und diese alten Häuser aufkauften. Für die Dorfbewohner waren wir ein Rätsel. Sie wollten selber lieber in großzügigen Neubauten mit großen Fenstern und Komfort leben, als in den alten Häusern mit dunklen, kleinen Stuben.

Auch innen hatten wir den Anspruch authentisch zu sein. Den alten Brotbackofen und den Herd mit Wasserschiffchen behielten wir natürlich neben einem modernen Elektroherd. Eintöpfe gelangen hervorragend auf dem alten Holzherd. Und die Wärme war heimelig. So war unsere Küche ein beliebter Treffpunkt mit besonderem Flair.

Küche.1

 

Dies war früher kein reiches Bauernland und entsprechend klein und nah beieinander gelegen waren die Bauernhäuser und Grundstücke. Die Nachbarschaft sah also eher ungläubig zu, wie wir voller Begeisterung, die in ihren Augen alten Hütten, zu neuem Leben erweckten.

Downloadhaus.Rheinau

Wir waren ihnen suspekt und es benötigte sehr viel Zeit bis man sie mit viel Glück vielleicht in ein Gespräch verwickeln konnte. Unser VW-Bus, unsere Besucher aus aller Welt taten das ihrige dazu, dass wir die Nachbarn oft nur hinter vorgezogenen Vorhängen erahnen konnten. Es war die Zeit da wir Importeure von Musikinstrumenten waren und Musiker bei uns ein und ausgingen. Einige in „Hippie-Kleidung“ mit seltsamen Instrumentenkästen unter dem Arm, manche etwas rockiger gekleidet, wirkten wir alle so fremdartig auf sie,  dass sie sich lieber von uns fern hielten. Nur ein alter Zimmermann, fast 80 Jahre alt, freute sich, da er seine alte Handwerkskunst, Fachwerkbalken ohne Hammer und Nägel einzusetzen, vorführen konnte. Von ihm lernte ich aus was ein „Goisafuß“ (Geißfuß) ist. Mein Freund als Musiker  und ich, als Buchhändlerin, wir hatten bislang wenig mit Handwerkszeug zu tun und lernten nun mit Hammer, Säge und dem Geißfuß umzugehen. Es gab nichts Schöneres für mich wie nach der Arbeit in unserem Import mit der Axt im Hof Kleinholz zu spalten.  Aller Stress war dann wie weggeblasen.

Gegenüber unserem Haus wohnte eine badische Bauernfamilie. Ihr Haus war auch ein schmuckes Fachwerkhaus mit einer seltsamen Scheune. Neugierig geworden sprach ich den alten Bauern, als er einmal nicht ausweichen konnte, an und so kamen wir dann doch ins Gespräch. Der badische Dialekt war mir inzwischen vertraut. „Das ist ein Tabakschopf“ klärte er mich auf.

TabakschopfTabakscheune.1

Vor vielen Jahren hat man hier Tabak angebaut, erzählt er mir. Inzwischen sei der vom Mais abgelöst worden. Früher, da hätten die Frauen den frisch geschnittenen Tabak vor dem Trocknen aufgefädelt. Sie sind alle zusammen gesessen, die Weibsleut und das war ein Fest, meinte er und erzählte weiter: Als Kinder sind wir immer dabei gesessen und haben die Ohren gespitzt, da der gesamte Dorftratsch besprochen wurde und so manches Geheimnis ans Tageslicht kam. Danach hat man den Tabak im Schopf aufgehängt und bei schönen Wetter wurden die Luken geöffnet damit er Luft bekam und gut trocknete. Wenn er dann gut war, dann wurde er mit dem Pferdefuhrwerk nach Bruchsal gefahren. Da war man einen ganzen Tag unterwegs. Roth-Händle hätten sie dort hergestellt.

PferdewagenTabak

Seid ihr auch manchmal nach Straßburg rüber gefahren? Fragte ich, um noch etwas mehr zu erfahren. „Nein, um Gottes Willen, zum Franzos sind mir nie gange“, kam es sofort, „des ist doch der Erzfeind“. Sie nannten die Franzosen übrigens auch „de Wackes“ und im Dorf sprach sagte man noch „Ihr“ anstatt „Sie“ also 2.Person Plural. „Au mein Sohn geht it nüber “ ergänzte er noch, „des isch fei g’fährlich da Auto zu fahren. „Luuuuuuuuuiiiiiiiiiiissssssssss“, tönte es laut aus der Stube. „I muss nei, zu meiner Frau“ entschuldigte er sich und war weg. Danach gab es immer wieder einmal Gespräche, er war aufgetaut und wir waren ihm nicht mehr so fremd. Seine Frau läge seit zehn Jahren im Bett, erzählte er mir. Von der schweren Arbeit auf dem Hof  sei sie so schwer erkrankt.

Wir selbst waren oft in Frankreich. Kehl, das unsere nächste Stadt und eine typische Grenzstadt war, bot wenig Abwechslung, Einkaufsmöglichkeiten oder Lebensqualität und hatte keinen Charme. Also bevorzugten wir Strasbourg mit seinen wundervollen Kneipen, Restaurants und Marktzentren, in denen die Auswahl an frischen Spezialitäten aus aller Welt so umfangreich war, wie wir das in Deutschland nicht kannten.

Viele Einheimischen aber mieden es über die Grenze zu fahren. Seltsame Vorurteile wurden als Grund angegeben. Für uns war das völlig unverständlich. Aber wir waren ja auch nicht die typischen Dorfbewohner, waren viel gereist, hatten auch unser Haus in Irland und Musikerfreunde aus aller Welt. Auf dem Dorf schauten uns damals selbst die jungen Leute kritisch an. Sie waren in ihr Dorfleben eingebunden und damit zufrieden. Und ich denke, dass noch heute so Mancher in seiner dörflichen, kleinen Welt und dieser scheinbarer Idylle so lebt und Ressentiments gegenüber Unbekanntem und Fremden hat.

Später machten wir dann eine Kneipe mit Musik, Theater und Ausstellungen auf, aber das ist eine weitere Geschichte…..

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